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Tagebuch über den Verlauf einer 50plus-Maßnahme (1)
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Themen - Initiative 50plus
Geschrieben von: Lotar-Martin Kamm   
Dienstag, 21. Oktober 2008 um 09:16
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Als mir die ARGE den Termin zugeschickt hatte, stolperte ich über dieses Wort, welches mir sofortigst missfiel: Maßnahme

Halten wir doch einmal für einen Moment inne und schauen uns dieses Wort an: Maßnahme

 „Maßnahme“, kann man sprachwissenschaftlich verschieden erklären. „Maß“ leitet man semantisch sowohl von mittelhochdeutsch „die maze“ (Zu-, Angemessen, Mäßigung, Art und Weise), als auch „das mez“ (Ausgemessenes, Richtung, Ziel) ab. Der Wortbestandteil „nahme“ wird von dem mittelhochdeutschen semantisch sehr vielfältigen Verb „nemen“ abgeleitet, das wiederum mit altgriechisch „nomos“ (Gesetz, Ordnung, Sitte, Rechtsvorschrift) verwandt ist. „Maßnahme“ bedeutet also sowohl „messen“ als auch „Mäßigung wegnehmen“.  

Die folgenden Seiten sind ein tagebuchartiger Bericht über eine angeordnete Maßnahme, die den Titel „Perspektive 50 plus“ trägt, die im Kreis Neuwied in einer Westerwälder Gemeinde aus meiner subjektiven Sicht sich wie folgt zugetragen hat:

 

Montag, den 14.Juli 2008

Einer Einladung meines Fallmanagers folgend begebe ich mich pünktlichst zum Ersttermin, wo mir die Maßnahme (Träger ist die Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO ) unterbreitet werden soll. Wissend und daher ein wenig vorbelastet, was mich erwarten könnte, trete ich dem Leiter der Maßnahme entsprechend skeptisch gegenüber. Es folgt natürlich somit genau dieses erwartete Prozedere über die Errungenschaft dieser Maßnahme, und die erfolgversprechende Haltung. Er meint dies selbstverständlich aus seiner Sicht auch gut. Ich entschließe mich, die Maßnahme zunächst einmal zu beginnen, vielleicht auch deshalb, weil er mir im Verlaufe des Gespräches zumindest in Aussicht stellt, vermittelnd seine Kontakte als Musiker „einfließen“ zu lassen, weil ich ihm über meine beruflichen Erfahrungen vom „auf Tour sein“ als Bühnentechniker erzähle.

Montag, den 21.Juli 2008

Die Maßnahme beginnt zögerlich mit der Vorstellung über deren Inhalt seitens des Maßnahmeleiters. Nun wünschen, sowohl der Leiter der ARGE, als auch die initiierende Sachbearbeiterin, dem ersten Kurs im Kreis Neuwied viel Erfolg. Dabei wird nicht außer acht gelassen, den ursprünglichen Politiker namentlich betont zu erwähnen, der diese ins Leben gerufen hat: Herrn Müntefering. Daß dies bereits vor vier Jahren geschehen war, wird nicht gesagt- die „verfehlte“ Arbeitsmarktpolitik erhält dadurch ohnehin keinen Zugewinn. Und natürlich wird genau dies „angeboten“, was ich bereits weiß: Auffrischungskenntnisse in Excel, Bewerbungskorrekturen und Coaching sowie das Klingelputzen seitens des Leiters. Alles gut gemeint, hilft bestimmt dem einen oder anderen, wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach den „Markt“ nicht beeindrucken. Die über 50 Jährigen werden auch weiterhin dadurch weder jünger noch attraktiver.

 

Dienstag, den 22.Juli 2008

Der junge Dozent für die PC-Probleme stellt sich vor. Erwartungsgemäß entdeckt er in meinem vorgelegten Lebenslauf genau die Punkte, die ich eh schon beabsichtigt hatte, ziemlich genau so zu verändern, wie er es mir vorschlägt. In so weit ist seine Kompetenz bis dahin berechtigt.

 

Mittwoch, den 23. Juli 2008

Der große Aha-Effekt tritt ein. Der Jungdozent gibt uns Aufgaben in Excel, völlig berufsfremd, damit wir „beschäftigt“ sind, bis nächsten Dienstag. Eine wirkliche, fachliche Hilfe gibt es während dieser Zeit nicht. Ich bemühe mich trotzdem recht gut, wissend, dass dies letztlich nicht viel bringen wird. Auch sollen wir ein Bewerbungsanschreiben zum nächsten mal mitbringen. Ich ahne „Formulierungs-Auseinandersetzungen“- meine „individuelle“ Art zu schreiben ist mein Markenzeichen, was mir auch dieser Dozent nicht nehmen wird.

 

Donnerstag, den 24.Juli 2008

Wir begeben uns an die Übungen, die ich fast sämtlich heute erledige, mich über deren Inhalte ärgernd. Vor allem, weil keine Rückfragen gestellt werden können. Meine Wut, was den Sinn dieser Maßnahme ausmachen soll, wächst zunehmend. Auch beobachte ich verschiedene, ähnliche Reaktionen im Kurs, neben denjenigen, die eh schon „aufgegeben“ haben.

 

Freitag, den 25. Juli 2008

Schleppend verbringe ich den Tag, die restlichen zwei Excel-Übungen werden mangels Formeln, die von keinem aus dem Kurs gefunden werden, daher nicht erledigt.
Am Ende erfolgt eine Rückfrage des Leiters ob der Unklarheiten und eine Reflektion der ersten Maßnahmewoche. Dabei stellt eine große Mehrheit fest, wie groß ihr PC-Unwissen ist. Der Leiter verspricht Nachholbedarf, wobei ich weiß, wie unnötig dies sein wird, wenn man bedenkt, was tatsächlich da draußen im Berufsleben gebraucht wird, unabhängig davon, wie die Arbeitgeberwelt über die über Fünfzigjährigen urteilt und entsprechend ablehnend ihnen gegenüber handelt. Der auf mich „aufgesetzt“ wirkende Optimismus des Leiters steht im krassen Gegensatz zur traurigen Wirklichkeit.

 

Montag, den 28. Juli 2008

PC-Unwissen wird durch einige im Kurs denjenigen „vermittelt“, die gänzlich ratlos dort sitzen. Immer noch erschließt sich für mich nicht im geringsten, was diese Excel-Übungen tatsächlich bewirken sollen, außer, dass morgen der Dozent feststellen wird, wer Lücken hat und wer firm ist- da draußen auf dem Arbeitsmarkt will das keiner wirklich wissen. Mein Unmut wächst somit, vielleicht auch deshalb, weil ich diese „Bewerbungsmappen“ bei einem Teilnehmer gesehen habe, mit dieser „vorgeschriebenen Art des Bewerbens“- Individualismus ungefragt ? Mich stören diese „aufgesetzten Normen“ aus vielen begründbaren Argumenten.

 

Dienstag, den 29. Juli 2008

Unser junger, dynamischer EDV-Dozent reagiert erwartungsgemäß. Er kann bei meinem Bewerbungsschreiben, welches ich ihm vorlege, keine Rechtschreibfehler entdecken, dennoch meint er mir mitteilen zu müssen, er würde weder mich zu einem Bewerbungsgespräch einladen geschweige denn einstellen, ihm sei meine Art und Weise mich auszudrücken Anlaß genug, dies so zu beurteilen. Was für eine „vernichtende Anmaßung“, schießt es mir durch den Kopf; es würde schon befremdlich sein, dass die betreffende Firma mich in die engste Auswahl empfahl, teile ich ihm daraufhin mit, und dies obwohl ich, wie anhand des beigefügten Lebenslaufes ersichtbar ist, zum ersten mal mich als „Qualitätsprüfer“ bewerbe. Dieser berechtigte Einwand kann ihn nicht dazu bewegen, sein einmal gefälltes Urteil zu revidieren. Ziemlich pikiert beendet er anschließend den Disput mit der Bemerkung, ich solle meinen Weg „gehen“, er sehe keinen Bedarf, dies zu unterstützen.
Wie schön, dass die Fronten geklärt sind - ich sehe bereits für mich das vorzeitige Ende der Maßnahme, alldieweil gegen Ende der Leiter mit dem Vorschlag kommt, wir könnten doch einen Erste-Hilfe-Auffrischungskurs mitmachen. Beschäftigungstherapie ? Tatsächlich eine Hilfe „zurück ins Arbeitsleben für die über Fünfzigjährigen“ ?

 

Mittwoch, den 30. Juli 2008

Im rasenden Tempo zeigt der EDV-Dozent der Gruppe einen Teil der Lösungen der Excel-Aufgaben; für unsereins stellt dies kein Problem dar, allerdings für die überwiegende Mehrheit, die sich aber trotzdem kommentarlos fügt. Es folgt ein kurzes, digitales Photographieren für die Bewerbungen. Gegen Mittag erfolgt die neue Aufgabenstellung nach kurzem Crash-Kurs von „PowerPoint“, auch dabei werden schnelle Auffassungsgabe und PC-Kenntnisse rücksichtslos vorausgesetzt. Wir sollen bis nächsten Dienstag ein Hobby präsentieren. Die Hitze im Raum ist weiterhin unerträglich, weil immer noch keine Jalousien für die sonnenüberfluteten Fenster des ohnehin zu überfüllten Raumes angebracht werden.
Wir sollen ja mit „geteilter Gruppe“ einen zweiten Raum erhalten.
Heute ergeben sich gute Gespräche, wobei einmal mehr deutlich wird, mit welchen perfiden Mitteln die ARGEN menschenverachtend eine Wirtschaft „bedient“, was sich in1-Euro-Jobs, diversen Praktika, verschiedenen Maßnahmen und im Billiglohnsektor ablesen lässt. Das sind dann genau die Menschen, die aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden, damit die Bundespolitik ihren Weg rechtfertigen kann, um von rückläufigen Arbeitslosenzahlen zu schwafeln.

 

Donnerstag, den 31. Juli 2008

Schon morgens ist es warm, aber gegen Mittag kippt dies ins Unerträgliche. Mein Nachbar kennt sich mit den gesetzlichen Bestimmungen aus und erzählt uns, dass ab einer Raumtemperatur von 26° C es so kritisch ist, dass das Arbeiten nicht mehr mit der Gesundheit zu vereinbaren ist.

 

Freitag, den 01. August 2008

Im Laufe des Vormittages wird uns ziemlich schnell klar, dass wir gestern wenigstens einer Raumtemperatur von 30° C ausgesetzt waren, weil es bereits um 11 Uhr messbare 26° C sind. Meine Nachbarin hat ein kitschiges Thermometer mitgebracht.
Heute schaffe ich es, die gestellte Hausaufgabe, eine PowerPoint-Präsentation über mich als Bildhauer, fertig zu stellen. Wir dürfen heute gegen 12:30 Uhr ins Wochenende.

 

Montag, den 04. August 2008

Es ist ruhiger geworden im Kurs der Fünfzigjährigen, was nicht unbedingt positiv zu bewerten ist, weil lediglich manchmal der Kursleiter herumschwirrt, um ein wenig Smalltalk abzuhalten. Zwar sind drei Kollegen nicht mehr da, und ich erfahre, sie würden ein Praktikum absolvieren. Ich befürchte, dass es nicht in einer Festeinstellung endet und die betreffenden Firmen weiterhin ihre Praktika-Praxis fortsetzen werden, lohnt sich ja auch, weil keine Lohnkosten anfallen, aber Arbeit umsonst vollrichtet wird.

 

Dienstag, den 05. August 2008

Der PC-Spezialist ist wieder zur Stelle, kündigt an, dass mein Nachbar heute seine Präsentation vorführen soll, was sich als Flop herausstellt. Wir wurden letzte Woche eben nicht darüber informiert, und dementsprechend sind alle Folienübergänge ungünstig eingerichtet. Der Tag verläuft ohne wesentlichen Vorkommnisse, außer, dass meine Nachbarin sich bei mir völlig zurecht beschwert, sie hätte bei einem Vorstellungsgespräch dortigst gegenzeichnen lassen sollen, dass sie bei einer 50plus-Maßnahme teilnimmt. Selbstverständlich weigert sie sich, da dies wiederum ihre eigene Unfähigkeit „unterstreicht“, sich selbstbewusst zu „vertreten“. Diese klare Entscheidung teile ich unbedingt, mich mit ihr darüber mokierend, wie entmündigend doch mit Menschen hier umgegangen wird !

 

Mittwoch, den 06. August 2008

Mein Nachbarkollege trägt souverän seine Präsentation vor. Der EDV-Dozent lässt den Text seiner eigenen Präsentation austeilen. Er zeigt und erläutert uns etwas über die Grundlagen der Computer, fachliche Unterscheidungen, etc. Wir fragen uns, für was das ganze gut sein soll.
Gegen Ende erhalten wir einen Hinweis, wo unsere Hausaufgabe für nächsten Dienstag abgelegt ist. Niemand hat die Gelegenheit, darüber Fragen zu stellen, weil eben nicht alle computerfirm sind; es verbleibt der üble Nachgeschmack von undurchdachter Vorgehensweise, die letztlich nicht wirklich hilfreich ist.


 

Quelle: http://www.elo-forum.net/hartz-iv/hartz-iv/-200810182020.html

 

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